Thoughts on: Erfolg
Neulich ist mir aufgefallen, dass ich Erfolge inzwischen fast nur noch in der Rückschau wahrnehme. Während sie passieren, fühlen sie sich selten wie Erfolge an, sondern eher wie To-dos, die endlich von der Liste verschwinden. Das Event ist vorbei, die Präsentation gehalten und noch bevor sich irgendeine Form von Stolz einstellen kann, wandert der Blick automatisch zum nächsten Punkt. Was kommt jetzt? Ich glaube nicht, dass das nur mein Problem ist. Ich glaube, es ist ein ziemlich millennialiges Lebensgefühl.
Wir sind mit der Vorstellung aufgewachsen, dass wir alles werden können. Das ist eigentlich ein großes Geschenk, denn niemand hat uns erzählt, wir müssten uns mit einem mittelmäßigen Leben zufriedengeben. Uns wurde beigebracht, Chancen zu nutzen und groß zu denken. Irgendwann ist aus diesem Versprechen allerdings eine Erwartung geworden und diese Erwartung hat die unangenehme Eigenschaft, sich nie erfüllt anzufühlen. Sobald etwas erreicht ist, verliert es seinen Wert, weil der Maßstab sich längst wieder verschoben hat.
Vielleicht erklärt das, warum viele Menschen unserer Generation gleichzeitig erfolgreich und erschöpft wirken. Ich kenne Frauen, die Unternehmen gegründet haben und sich trotzdem schuldig fühlen, wenn sie einen Nachmittag nichts Produktives machen. Frauen, die Karriere gemacht haben und sich nicht trauen, das Wort Stolz in den Mund zu nehmen, weil sofort der Gedanke folgt, dass da doch noch mehr gehen müsste. Frauen, die ständig funktionieren und trotzdem das diffuse Gefühl haben, hinterherzulaufen.
Ich merke das auch an mir selbst. Manchmal scrolle ich durch Fotos von Events, die ich organisiert habe, und denke: Ach ja, das war wirklich schön. Als hätte ich den Moment erst Wochen später erlebt. Während er passiert ist, war ich längst mit dem beschäftigt, was als Nächstes kommt. Besser, weiter, größer… Das beschäftigt mich mehr, als ich zugeben möchte.
Es hat einen Moment gedauert, bis ich gemerkt habe, wie absurd das eigentlich ist. Nicht weil Ehrgeiz etwas Schlechtes wäre, ganz im Gegenteil! Ich mag ambitionierte Menschen und ich mag auch den Wunsch in mir, Dinge besser zu machen. Ohne diesen Antrieb gäbe es schließlich viele tolle Projekte in meinem Leben nicht. Ich frage mich nur, ob wir Erfolg inzwischen so sehr als Zwischenstation betrachten, dass wir verlernt haben, ihn überhaupt noch zu erleben.
Vielleicht liegt das auch daran, dass wir gelernt haben, unser Leben in Meilensteinen zu erzählen. Abitur, Führerschein, Studium, Staatsexamen, Gründung. Das nächste große Ziel ersetzt fast immer das vorherige, und irgendwann gewöhnt man sich daran, das Leben nur noch in Etappen zu betrachten. Dazwischen liegt zwar der eigentliche Alltag, aber der fühlt sich oft wie ein Warteraum an. Als würde das echte Leben immer erst nach dem nächsten Erfolg beginnen. Dabei sind es ausgerechnet diese unspektakulären Tage, an die ich mich am liebsten erinnere. Der Kindergeburtstag meines Patenkinds, bei dem niemand auf die Uhr geschaut hat. Ein Mittagessen mit meiner Oma, das unbezahlbar ist. Der erste Kaffee am Morgen, wenn die Welt noch still ist. Ein langer Spaziergang durch den Wald mit einer Freundin. Kein Mensch würde solche Momente in seinen Lebenslauf schreiben. Dabei besteht ein erfülltes Leben wahrscheinlich viel weniger aus einigen großen Meilensteinen als aus hunderten kleinen Momenten, denen wir im Vorbeigehen zu wenig Bedeutung schenken.
Irgendwo auf dem Weg haben wir angefangen, Optimierung mit Identität zu verwechseln. Es reicht scheinbar nicht mehr, etwas gut zu machen. Man möchte ständig die bessere Version seiner selbst sein. Gesünder essen, produktiver arbeiten, bewusster leben, mehr lesen, weniger Bildschirmzeit – you name it. Das Fitnessarmband misst unseren Schlaf, LinkedIn misst unsere Karriere, Instagram unser Leben und wir selbst messen ständig den Abstand zwischen dem, was ist, und dem, was noch sein könnte.
Ist vielleicht das der Grund, warum Zufriedenheit inzwischen fast einen schlechten Ruf hat? Sie klingt nach Aufgeben, nach Bequemlichkeit und vor allem nach Stillstand. Dabei frage ich mich immer öfter, ob nicht genau das Gegenteil stimmt. Muss man nicht zwischendurch stehen bleiben, damit der Weg überhaupt noch nach dem eigenen aussieht und nicht nur nach einer endlosen Aneinanderreihung von Zielen, die man irgendwann einmal wichtig fand?
Ich habe (noch) keine Lösung dafür. Ich versuche selbst herauszufinden, wie man ehrgeizig bleibt, ohne sich permanent das Gefühl zu geben, nicht genug zu sein. Aber ich wünsche mir, dass wir wieder lernen, Erfolge auszuhalten und sie eben nicht sofort kleiner zu reden, nicht sofort abzuhaken- sondern einfach mal zu genießen! Vielleicht ist das die eigentliche Herausforderung unserer Generation: nicht größer zu träumen, sondern den Mut zu haben, für einen Moment stehen zu bleiben, ohne sofort unruhig zu werden.
Denn es wäre doch ziemlich tragisch, wenn wir eines Tages auf ein Leben voller Meilensteine zurückblicken und feststellen, dass wir bei keinem einzigen wirklich angekommen sind. Also lasst uns doch alle zukünftig etwas mehr nach meinem Motto „life is for living“ leben und das Leben noch mehr genießen, statt nur zu hustlen!
Eure
Laura


